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Hinter den Kulissen des Karibik-Traums: Famulatur auf der Sehnsuchts-Insel Jamaika

Zahnärztin Ulrike Würpel mit ihren jamaikanischen Kolleginnen Dr. Riley und Dr. Dunstan in der Duhaney Klinik in Kingston/Jamaika.

(c) Würpel

Mich hat die Vorstellung einen Beruf auszuüben, der es mir ermöglicht überall auf der Welt arbeiten zu können, neue Kulturen authentisch kennenzulernen und Hilfe an Orte zu bringen, an denen die Menschen oft zu arm für das Notwendigste sind, schon immer fasziniert. Nach meinem Staatsexamen im Februar 2023 habe ich diese Möglichkeit direkt genutzt und bereits zwei freiwillige Hilfseinsätze in der Dominikanischen Republik und in Peru absolviert.

Mein dritter Einsatz führte mich zurück zu DIANO e.V. und zu Tobias Bauer, mit dem im Jahr 2023 alles begonnen hatte! Nach einigen Telefonaten stand es dann fest – für mich geht es im Februar nach Jamaika! Ein Traum – vier Wochen auf einer karibischen Insel zu leben, mit unberührten Stränden, einer lebendige Musikszene und vielfältiger Natur!

Hohe Zahnarztdichte heißt nicht gleich gute Versorgung

Mit Erstaunen stellte ich dann bei meiner Ankunft im Karibikparadies fest, dass es auf Jamaika eine der höchsten Raten von Zahnärzten pro Kopf im Vergleich zu anderen karibischen Nationen gibt. Warum also eine Famulatur hier machen, wenn die Bevölkerung so gut versorgt scheint?

Wie ich bereits auf meinen anderen Auslandseinsätzen lernen durfte, sind die vielen kleinen Zahnarztpraxen, die sich entlang der Hauptstraßen der Inseln finden, ausschließlich private Praxen, in der jede Behandlung viel Geld kostet. Trotz teurer Bezahlung können die Patientinnen und Patienten oft nicht von ihren Schmerzen befreit werden – abhängig vom Stand der Zahnmedizin im jeweiligen Land. So auch auf Jamaika.

Private Behandlung für viele unbezahlbar

Diese privaten Zahnbehandlungen sind für den Großteil der Insulaner nicht bezahlbar. Viele von ihnen haben mit Mitte 50 noch nie eine Zahnarztpraxis von innen gesehen oder auf dem Behandlungsstuhl Platz genommen. Meist kommen sie erst dann, wenn die Schmerzen nicht mehr auszuhalten sind, die abgebrochenen Stümpfe die Zunge stören oder die Schwellung immer größer wird, denn zahnmedizinische Versorgung gehört nicht zu den Privilegien ihres einfachen Lebens.

Führt man sich diese Situation angesichts unserer in Deutschland (noch) vorherrschenden zahnärztlichen ‚Idealversorgung’ vor Augen, wird die Bedeutung der frei zugänglichen Zahnmedizin hier auf Jamaika umso eindrücklicher!

Fachliche zahnärztliche Aufsicht für Studierende

Diese kostenlose und dringend benötigte Hilfe bekommen die Patienten aus Kingston in der Duhaney Park Klinik, von Dr. Urge und seinem Team. Die Klinik lebt von den deutschen Zahnmedizin-Studierenden und den Spenden, die diese mit auf die Insel bringen. Auch Studis kommen hier auf ihre Kosten! Durch den großen Patientenzulauf aus Kingston und Umgebung stehen vor allem die heiß begehrten Extraktionen auf dem Tagesprogramm der Klinik. Stets unter Aufsicht von Dr. Urge können Zahnmedizinstudierende der klinischen Semester hier wertvolle Erfahrungen sammeln, insbesondere was das Handling von Extraktionen bei Risikopatienten betrifft.

Bei uns in Deutschland würde eine Wurzelkanalbehandlung oder eine Stift-Stumpf-Restauration so manchen Zahn retten können, den hier die Zange final packt. Aber das extrem geringe Einkommen der Bevölkerung macht größere zahnmedizinische Eingriffe oder oft schon ein Röntgenbild unbezahlbar.

Viele Patienten kommen mit allgemeinmedizinischen Problemen

Die Jamaikaner pflegen einen hohen Zuckerkonsum und haben zudem noch eine Vorliebe für besonders fettiges Essen. Deshalb hat die Mehrheit der Insulaner bereits in ihren Zwanzigern mit Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck zu kämpfen. Doch oftmals wissen die Patienten davon nichts, weil auch der Zugang zu medizinischer Versorgung den meisten verwehrt bleibt.

Ist der Blutdruck zu hoch, werden die Betroffenen von Dr. Urge und seinem Team zum Allgemeinmediziner überwiesen, damit die Patienten medikamentös eingestellt werden können und eine Extraktion mit geringerem Eingriffsrisiko möglich ist. Daher muss zu Beginn eines jeden Arbeitstags erstmal ein ausführliches Patientenmanagement betrieben werden. Fokussuche und Anamnese stehen hier also an erster Stelle und sind sowohl für Studierende als auch für Berufseinsteiger eine tolle Möglichkeit, routinierter in diesen Abläufen zu werden.


Diagnose am Zahnfilm ohne digitale Hilfen

Durch Spendenmaterialen aus Deutschland wird es wohl demnächst auch möglich sein, Wurzelkanalbehandlungen vor Ort durchzuführen. Leider hat die Klinik selbst kein Röntgengerät. Der Raum, in dem der mittlerweile schon etwas marode Stuhl steht, trägt zwar immer noch die Aufschrift „dental x-Ray“. Doch ist diese Nutzung dem Komfort der Mitarbeitenden zuliebe einem Kühlschrank gewichen. Müssen also bei unklarer Diagnostik zusätzlich Röntgenaufnahmen gemacht werden, bleibt den Patienten nichts anderes übrig, als diese in Zahnarztpraxen oder Kliniken in der Umgebung machen lassen zu lassen.

Zur erneuten Therapiebesprechung kommen sie mit den kleinen analogen Röntgenfilmen zurück in die Duhaney Klinik. Zusammen mit Dr. Urge durfte ich einige dieser Filme auswerten und bin (wiederholt) ausgesprochen dankbar für unsere modernen Programme in Deutschland, bei denen mit Kontrasten gespielt werden kann und Abmessungen sowie Vergrößerungen möglich sind.

Auch in Jamaika gibt es eine „Assistenzzeit“

Neben Dr. Urge habe ich auch zwei junge Zahnärztinnen in ihrem Arbeitsalltag unterstützen und anleiten dürfen, Dr. Riley und Dr. Dunstan. Sie sind die sogenannten Interns, denn nach dem Zahnmedizinstudium in Jamaika folgen, ähnlich zur deutschen Assistenzzeit, zwei Jahre, in denen die Studis in verschiedenen Kliniken rotieren und arbeiten, um so viel wie möglich innerhalb der ersten Jahre nach dem Studium zu lernen. Ich wurde von ihnen herzlichst ins junge Team aufgenommen und in die internen Klinikabläufe eingeführt. Dafür konnte ich die beiden bei schwierigen Extraktionen und Anästhesien unterstützen. Dieser interkulturelle Austausch ist für mich das Schönste an solchen Famulaturen, denn oftmals tendieren wir im Berufsalltag doch dazu, nicht viel nach rechts und links zu schauen.

So „einfach“ der Entwicklungsstand der jamaikanischen Zahnmedizin im Vergleich zu deutschen Standards auch scheint: Den Menschen hier vor Ort ist es die bestmögliche Hilfe, sie zumindest mittelfristig von Schmerzen oder anderen Problemen zu befreien.

Talentierte Kolleginnen und Kollegen kennenlernen

Ich empfehle jedem Studi, der mit dem Gedanken spielt, eine Famulatur zu machen, Jamaika mit auf die Liste zu setzen! Denn hier lernt man nicht nur gutes Krisenmanagement und Routine in handwerklichen Fähigkeiten, sondern wird auch von energetischen Kolleginnen und Kollegen unterstützt, die einem wieder mal ins Gedächtnis rufen: Talentierte und beeindruckende junge Zahnärztinnen und Zahnärzte gibt es überall auf der Welt!

ZÄ Ulrike Würpel

Quelle: DIANO e.V. Studium & Praxisstart Bunte Welt Menschen

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