0,00 €
Zum Warenkorb
  • Quintessence Publishing Deutschland
Filter
1076 Aufrufe

Aktuelle Autopsiestudie untersuchte Gehirne von 500 Kontaktsportlern

Kopfverletzungen, wie sie bei Kontaktsportarten häufig vorkommen, können langfristige Folgen haben.

(c) Solomon Thompson/shutterstock.com

Wiederholte Schädeltraumata, wie sie bei Kontaktsportarten durch regelmäßige Kopfprellungen („repetitive head impacts“) auftreten, können zum Krankheitsbild der chronischen traumatischen Enzephalopathie (CTE) führen. Die CTE geht nicht nur mit kognitiven und neuropsychiatrischen Symptomen einher, sie löst eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung aus, bei der es zur Akkumulation von Tau-Protein und Parkinson-ähnlichen Symptomen (Parkinsonismus) kommt. Dieser Vorgang wird offensichtlich durch wiederholte Kopftraumata begünstigt, wie eine aktuelle Studie [1] zeigt. Demzufolge werden neuropathologische Prozesse in der Substantia nigra ausgelöst, die bei CTE zu Parkinson-ähnlichen Symptomen führen.

Chronische traumatische Enzephalopathie

Die Querschnittsstudie untersuchte bei Verstorbenen, die jahrelang Kontaktsportarten (American Football, Hockey, Fußball, Ringen, Boxen, Bobfahren, Turmspringen, Lacrosse, Kampfsport, Rugby und Skifahren) ausübten und an CTE litten, die Häufigkeit von Parkinson-ähnlichen Symptomen sowie den Zusammenhang zwischen regelmäßigen Kopfprellungen, neuropathologischen Veränderungen und Parkinsonismus. Die analysierten Daten stammten von 481 männlichen Gehirnspendern einer US-amerikanischen Autopsie-Datenbank; die überwiegende Mehrzahl, 413 von 481, waren American Football Player. Es wurden klinische und neuropathologische Merkmale bei CTE-Betroffenen mit und ohne Parkinsonismus analysiert. Gesucht wurde besonders nach Veränderungen in der Substantia nigra, der Hirnregion, die auch bei M. Parkinson betroffen ist.

Veränderungen der Substantia nigra

Zu den neuropathologischen Merkmalen gehören Neuronenverluste, Lewy-Körperchen (die vor allem bei M. Parkinson und Lewy-Body-Demenz auftreten) und neurofibrilläre Tangles (NFTs, auch Alzheimer-Fibrillen genannt, die aus aggregierten, hyperphosphorylierten Tau-Proteinen bestehen). Im Ergebnis hatten 119 der 481 untersuchten Kontaktsportler einen Parkinsonismus (24,7 Prozent). Beim Vergleich der Kontaktsportarten waren American-Football-Spieler von Parkinsonismus signifikant häufiger betroffen (p=0,02): 108 der 119 Sportler mit Parkinsonismus spielten American Football (90,8 Prozent), in der Gruppe, die keinen Parkinsonismus aufwies, waren es 305 von 362 (84,3 Prozent). 

Insgesamt wiesen die Patienten mit Parkinsonismus ein höheres CTE-Stadium auf; so hatten 29,4 Prozent der Kranken mit Parkinsonismus ein CTE-Stadium IV (gegenüber 10,8 Prozent ohne Parkinsonismus). Das mittlere Sterbealter von CTE-Patienten mit Parkinsonismus war signifikant höher (71,5 ± 13 Jahre) als bei CTE-Patienten ohne Parkinsonismus (54,1 ± 19,3 Jahre). Parkinsonismus-Betroffene waren zudem älter, hatten höhere Demenzraten (87,4 versus 29 Prozent), häufiger visuelle Halluzinationen und REM-Schlafverhaltensstörungen. In der vorliegenden Studie waren mehrere Pathologien der Substantia nigra signifikant mit Parkinsonismus assoziiert. So fanden sich bei Parkinsonismus signifikant häufiger nigrale NFTs), stärkere Neuronenverluste und häufiger Lewy-Körperchen. Traten sowohl Neuronenverlust als auch Lewy-Körperchen auf, war die Assoziation zum Parkinsonismus besonders hoch.

Einfluss aktiver Spielerzeit

Wie lange der Sport ausgeübt worden war, schien nicht ausschlaggebend für die Entwicklung eines Parkinsonismus zu sein. Diese Beobachtung steht im Gegensatz zu vorherigen Studien. Allerdings waren in dieser Erhebung nur Sportler mit CTE analysiert worden, die erhebliche Belastungen durch regelmäßige Kopfprellungen aufwiesen. Alle lagen über dem vormals ermittelten Schwellenwert für ein erhöhtes Parkinsonismus-Risiko (etwa vier Jahre). Auch ergab die Subgruppenauswertung der American-Football-Spieler, dass die Anzahl der Jahre, in denen der Sport aktiv ausgeübt worden war, mit NFTs assoziiert waren. In der Analyse wurde herausgearbeitet, dass nigrale NFTs und Neuronenverluste den Zusammenhang zwischen Spieljahren und Parkinsonismus vermittelten.

Literaturliste:
[1] Adams JW, Kirsch D, Calderazzo SMet al. Substantia Nigra Pathology, Contact Sports Play, and Parkinsonism in Chronic Traumatic Encephalopathy. JAMA Neurol. 2024 Jul 15:e242166 https://jamanetwork.com/journals/jamaneurology/article-abstract/2820667

[2] https://dgn.org/artikel/fussball-kunftig-besser-mit-kopfschutz

Insgesamt kommt das Team zu dem Schluss, dass wiederholte Kopftraumata neuropathologische Prozesse auslösen könnten, die im Verlauf zu Parkinson-Symptomen führen. Eine Studienlimitation sei, dass eine Kontrollgruppe von Gehirnspendern mit Parkinsonismus ohne CTE fehlte. Auch könnten Erinnerungsfehler bei den retrospektiv befragten Angehörigen nicht ausgeschlossen werden.

Mehr Prävention gefordert

„Seit einiger Zeit mehren sich die Hinweise, dass rezidivierende Kopfprellungen das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen erhöhen, was diese aktuelle Studie bestätigt“, konstatiert Prof. Dr. med. Peter Berlit, Pressesprecher und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Die DGN spricht sich daher für Präventionsmaßnahmen aus. Bei Sportarten mit besonders hohem Risiko für wiederholte Kopftraumata wie American Football oder Kampfsportarten sollten Helme getragen werden.“ Aufgrund früherer Erhebungen hat die DGN bereits Präventionsmaßnahmen für Kinder beim Fußball gefordert [2].

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) Bunte Welt Menschen Nachrichten

Adblocker aktiv! Bitte nehmen Sie sich einen Moment ...

Unser System meldet, dass Sie eine aktive AdBlocker-Software verwenden, die verhindert dass alle Seiteninhalte geladen werden können.

Fair geht vor: Unsere Partner aus der Industrie tragen durch ihre Anzeigen einen maßgeblichen Teil zum Betreiben dieser Newsseite bei. Diese finden Sie in überschaubarer Anzahl auf der Startseite sowie den einzelnen Artikelseiten.

Bitte setzen Sie www.quintessence-publishing.com auf Ihre „AdBlocker Whitelist“ oder deaktivieren Ihre AdBlocker Software. Danke.

Weitere Nachrichten

  
3. Apr. 2025

Mit Achtsamkeit aus der Stressfalle

FAU-Forschende untersuchen, was unsere Psyche damit zu tun hat, wenn herausfordernde Erlebnisse krank machen
2. Apr. 2025

Menschen helfen und vom Austausch mit jungen Kolleginnen und Kollegen profitieren

Hinter den Kulissen des Karibik-Traums: Famulatur auf der Sehnsuchts-Insel Jamaika
2. Apr. 2025

Zeitdruck und Gereiztheit bei der Arbeit nehmen zu

DGUV Barometer Arbeitswelt zu den aktuellen Trends für Sicherheit und Gesundheit im Beruf
1. Apr. 2025

Drei Wege führen zum Skelett

Aktuelle Studie der Universität Basel analysiert Genregulation der Knorpel- und Knochenentwicklung
31. März 2025

Die braucht kein Kind

Stiftung Warentest untersucht Nahrungsergänzungsmittel für Kinder
25. März 2025

Recht haben und Recht bekommen

Die zwei Paar Schuhe des Rechts am Beispiel des Anspruchs auf ein Arbeitszeugnis
21. März 2025

„Das erfordert Flexibilität auf allen Ebenen”

Ladies dental talk Nürnberg am 9. April 2025 mit der Talkgästin Claudia Auer, Leiterin Marketing & Kommunikation Verlag Nürnberger Presse, über die Transformation der Medienbranch
18. März 2025

Das Gehirn als Schlüssel zur Behandlung von Stoffwechselerkrankungen

Aktuelle Studie entwickelte detaillierten Zellatlas „Hypomap“ der Hypothalamusregion